Ratgeber / Gesundheit, Kind & Familie

Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

25.05.2020 / von 

Von einer Essstörung spricht man, wenn das über längere Zeit auffällige Essverhalten zur Beeinträchtigung von Funktionen oder der körperlichen Entwicklung führt. Meist besteht gleichzeitig auch ein seelischer oder sozialer Leidensdruck. Essstörungen können schon bei Kleinkindern ab zwei Jahren und ab da in jedem Alter vorkommen. Und das sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen.

Essstörungen in der Übersicht

  • Fütterstörung: Im Mittelpunkt steht die Unlust, Weigerung oder Unfähigkeit des Kindes vor dem sechsten Lebensjahr, die angebotene Nahrung aufzunehmen.
  • Magersucht: Diese Form von Essstörung führt zu absichtlich und selbst herbeigeführtem Gewichtsverlust. Personen mit Magersucht nehmen ihren körperlichen Zustand häufig nicht wahr und empfinden sich sogar bei extremem Untergewicht als zu dick.
  • Bulimie: Bei der Ess-Brech-Sucht sind die Betroffenen meist normalgewichtig, leiden aber an Essattacken mit Kontrollverlust und haben grosse Angst vor einer Gewichtszunahme. Um eine solche zu vermeiden, werden ungesunde Gegenmassnahmen wie Erbrechen, exzessiver Sport oder Abführmittel angewendet. Mangelerscheinungen sind die Folge, die wiederum zu Heisshunger- und Essattacken führen können.
  • Esssucht/Binge-Eating-Störung (BES): Kinder und Jugendliche mit Esssucht leiden an Essattacken mit Kontrollverlust, jedoch ohne Gegenmassnahmen wie bei der Bulimie, was häufig zu Übergewicht führt.
  • Pica-Syndrom: Das psychiatrische Krankheitsbild kann bei Menschen mit geistiger Behinderung oder Entwicklungsstörungen auftreten. Als Nahrung werden ungewöhnliche Stoffe wie Erde, Papierschnipsel, Lehm, Sand oder sogar Exkremente ein-
    genommen. Zu berücksichtigen ist, dass Babys und Kleinkinder die Welt mit dem Mund entdecken. Eine Diagnose wird daher ab einem Alter von zwei Jahren aussagekräftig.
  • Übrige Essstörungen: Darunter sind zahlreiche weitere Formen von Essstörungen zu verstehen, zum Beispiel das Vermeiden von genügender Nahrungsaufnahme we-
    gen Angst vor Übelkeit oder Erbrechen.
Dr. med. Christoph Rutishauser
Die Formen der Essstörungen sind altersabhängig.

Dr. med. Christoph Rutishauser

Leitender Arzt Adoleszentenmedizin am Universitäts-Kinderspital Zürich

Dr. Rutishauser, seit 25 Jahren behandeln Sie Kinder und Jugendliche mit Essstörungen. Welche Formen sind besonders verbreitet?

Die Formen sind altersabhängig. Im frühen Kindesalter stehen sogenannte Fütterstörungen im Vordergrund. Dabei wird trotz angemessenem Nahrungsangebot in fester oder flüssiger Form eine ungenügende Menge oder Auswahl aufgenommen. Ab dem Schulalter treten Essstörungen auf, die unterschiedlich bezeichnet werden und bei denen aus verschiedenen Gründen Essen gemieden wird, beispielsweise aus Angst vor Übelkeit oder Erbrechen. Im Jugendalter stehen Magersucht und Bulimie im Vordergrund. Die Magersucht tritt gehäuft im Alter zwischen 13 und 17 Jahren auf. Aber auch die Esssucht ohne Erbrechen ist wichtig zu erwähnen. Sie ist bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen gehäuft anzutreffen und wird oft verheimlicht.

Welche Anzeichen können auf eine Essstörung hindeuten?

Wichtig ist, nicht nur auf das Körpergewicht zu achten. Normal- wie übergewichtige Menschen können auch an einer Essstörung leiden. Bei sichtbarer Gewichtsabnahme sollten aber die Alarmglocken läuten. Dann muss rasch gehandelt werden. Änderungen des Ernährungsverhaltens ohne ersichtlichen Anlass sind kritisch zu hinterfragen. Hellhörig sollten Eltern zudem werden, wenn meist ältere Kinder oder Jugendliche auffallend häufig und ohne glaubhaften Grund das gemeinsame Essen meiden.

Was sind mögliche Ursachen für Essstörungen?

Die Gründe sind vielfältig und je nach Alter und Art der Essstörung verschieden. Bei der Magersucht können unterschiedliche Ursachen ein Auslöser sein. Eine zentrale Rolle spielen Persönlichkeitsfaktoren wie Perfektionismus und die Neigung zu hohen Erwartungen an sich selber bei gleichzeitig tiefem Selbstwert. Aber auch belastende Umstände innerhalb oder ausserhalb der Familie können eine Rolle spielen: fehlende Wertschätzung oder Mobbing sowie sexuelle Übergriffe oder andere Formen von Misshandlung und Vernachlässigung. Auch eine übermässig enge Mutter-Tochter-Bindung kann ein Faktor sein. Dieser wird aber häufig ohne sachliche Grundlage als Hauptursache dargestellt und löst bei Müttern und teilweise auch Vätern Schuldgefühle aus. Besorgniserregend ist, dass sich rund 40 bis 60 Prozent der jugendlichen Mädchen in der Schweiz zu dick fühlen. Und auch 30 bis 45 Prozent der Knaben sind mit ihrem Körperbild unzufrieden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die sozialen Medien diese Entwicklung beeinflussen.

Was können Eltern tun?

Vorbeugend können Eltern und das schulische Umfeld dafür sorgen, dass jedes Kind die nötige Wertschätzung erhält, ungeachtet der erbrachten Leistung. Besteht die Sorge, dass ein Kind an einer Essstörung erkrankt ist, so ist der Gang zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt wichtig. Hier ist die körperliche Entwicklung zu beurteilen. Auch ist zu klären, ob das auffällige Essverhalten innerhalb der normalen kindlichen Variabilität liegt oder ob sich ein behandlungsbedürftiges Abweichen entwickelt hat. Bei Jugendlichen mit Verdacht auf Magersucht oder Bulimie sollte zudem zeitnah eine erfahrene Fachperson für Essstörungen aufgesucht werden.

Hier gibt es Hilfe

  • Arbeitsgemeinschaft für Essstörungen AES: www.aes.ch
    Informationen, Beratung und Vermittlung von geeigneten Fachpersonen
  • Schweizer Gesellschaft für Essstörungen SGES: www.sges-ssta-ssda.ch
    Informationen und Adressverzeichnis von Fachpersonen nach Kantonen