Ratgeber / Kind & Familie

Mein Kind und das Handy

16.01.2020 / von 

Wie viel Smartphone ist noch «gesund»? Wie bringe ich meinem Kind einen «normalen» Umgang damit bei? Eltern sind in solchen Fragen oft unsicher. In einem Interview haben wir den Psychologen Marc Stoll befragt, was Eltern tun können, um ihre Kinder im Umgang mit Handys und Internet anzuleiten.

Herr Stoll, als Psychotherapeut unterstützen Sie täglich Kinder und Erwachsene zum Thema Online-Sucht. Ist das Mobiltelefon gerade für Heranwachsende eine Gefahr?

Es ist wie mit dem Strassenverkehr. Beides gehört zum Alltag und man muss den Umgang damit lernen, und zwar Schritt für Schritt. Schliesslich würde niemand ein Kleinkind allein über die Strasse schicken. Zuerst nimmt man es an der Hand, dann bringt man ihm eine Verkehrsregel nach der anderen bei, bis es den Schulweg ohne Hilfe meistern kann. Genauso sollte es bei der Medienerziehung sein.

Welche Konsumrichtlinien empfehlen Sie?

Vorschulkinder brauchen vor allem grundlegende Erfahrungen wie das Spielen im Sandkasten. Es schadet ihnen aber nicht, wenn sie ab und zu mit den Eltern ein Filmchen anschauen. Spätestens ab dem Kindergarteneintritt helfen Abmachungen.

Es gibt Medienpädagogen, die geben maximale Richtwerte vor: 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag für 3- bis 5-Jährige, 5 Stunden pro Woche für 6- bis 9-Jährige und 10 Stunden pro Woche für 10- bis 12-Jährige. Ich persönlich halte wenig von pauschalen Regeln. Abmachungen sind nur dann sinnvoll, wenn man sie auch wirklich umsetzen und kontrollieren kann. Dazu muss man zum Beispiel wissen, was das Kind konsumiert und wie lange beispielsweise ein Spiel dauert.

Und bei Jugendlichen?

Da kommt es sehr auf die individuelle Persönlichkeit und Reife an. 15-Jährigen mit einem gesunden Ausgleich neben der Schule und Disziplin für die Hausaufgaben kann man mehr Freiheiten geben. Ist dies nicht der Fall, braucht es klarere Abmachungen und Grenzen.

Man hört bezüglich Handy-Besitz immer wieder von Gruppendruck an der Schule. Als Eltern kann und soll man nicht alle Wünsche erfüllen. Weder braucht ein 1.-Klässler ein eigenes Smartphone noch ein Jugendlicher ständig das neueste Modell. Allerdings läuft ein Kind ohne Handy in der Mittelstufe leider Gefahr, zum Aussenseiter zu werden. Hier muss ein geeigneter Mittelweg gefunden werden.

Wie erkennt man, dass die Suchtgefahr zunimmt?

Man muss sich fragen, ob die Smartphone-Nutzung angepasst werden kann, wenn sie überhand nimmt oder wichtige Prüfungen anstehen. Sobald Gamen das einzige Hobby ist, die Schulnoten schlechter werden, Konflikte zunehmen und der Kontakt zu Freunden ausbleibt, sind das ernst zu nehmende Warnzeichen.

Welche Schwierigkeiten treffen Sie häufig an?

Meist ist das Problem nicht bei den Kindern und Jugendlichen, sondern bei den Eltern – nämlich dann, wenn sie unterschiedliche Meinungen zur Medienerziehung haben oder zu wenig über die kindliche Entwicklung
wissen. Aus diesem Grund arbeite ich bei der Smartphone-Sucht immer mit der ganzen Familie.

Sie sprechen die Rolle der Eltern an. Worauf müssen Mütter und Väter besonders achten?

Die Eltern sind als Vorbilder wichtiger, als ihnen bewusst ist. Wenn sie den Kindern erzählen, dass man nur Dinge schreibt und verschickt, die man auch öffentlich sagen und zeigen kann, oder dass man per Whatsapp keinen Streit klären soll, sind das wichtige Lektionen fürs Leben. Wenn der Vater auf dem Spielplatz aber ständig ins Smartphone schaut oder die Mutter am Esstisch die Mails checken muss, dann sehen die Kinder das auch, und die Eltern verlieren an Glaubwürdigkeit. Aus diesem Grund plädiere ich für bewusst gesetzte Offline-Zeiten für die ganze Familie.

Was raten Sie Eltern, wenn sie sich überfordert fühlen?

Es gibt fast keine Eltern, die beim Thema Handy-Konsum nicht irgendwann einmal verunsichert sind. Oft ist der Austausch mit anderen Eltern oder Bekannten hilfreich. Wenn sich das Problem verschärft oder die Überforderung dauerhaft ist, kann es sich lohnen, externe Unterstützung bei einer Fachperson oder einer Jugendberatungsstelle wie Pro Juventute zu holen.

Die Eltern sind als Vorbilder wichtiger, als ihnen bewusst ist.

Marc Stoll

Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Meilen

Übrigens

Auf www.jugendundmedien.ch finden Sie hilfreiche «goldene Regeln» für einen sicheren Umgang mit digitalen Medien. Neben der Vorbildfunktion der Eltern gehören dazu:

• Begleiten und genau hinschauen statt verbieten
• Balance zwischen medialer und nonmedialer Freizeit
• Gespräche und Aufklärung anstelle von Filtersoftware
• Abmachungen treffen und einhalten
• Faustregel: Games nach 6, Internet nach 9, Social Media nach 12 Jahren