Blasenschwäche

Ratgeber / Gesundheit

Inkontinenz: Wenn die Blase nachlässt

23.09.2021 / von 

Rund eine halbe Million Menschen in der Schweiz leiden an Harninkontinenz – mehrheitlich sind Frauen von einer Blasenschwäche betroffen.

Ein kräftiges Niesen, ein herzhaftes Lachen oder das Heben einer schweren Einkaufstasche und schon ist es passiert: Einige Tropfen Urin oder gar mehr sind unkontrolliert abgegangen. Blasenschwäche ist in der Schweiz ein weitverbreitetes Leiden, rund eine halbe Million Menschen sind davon betroffen – dennoch spricht kaum jemand darüber.

Frauen leiden häufiger an Inkontinenz

Unter Blasenschwäche leiden Frauen zwei- bis viermal häufiger als Männer, das hat unter anderem anatomische Gründe. Bei Männern ist die Harnröhre etwa 20 Zentimeter lang, bei Frauen dagegen nur drei bis vier Zentimeter, dadurch sind sie anfälliger für Harnwegsinfektionen, die Harninkontinenz begünstigen können. Zudem haben Frauen grössere Becken als Männer, folglich muss auch die Beckenbodenmuskulatur einen grösseren Teil überspannen. Weitere Risikofaktoren sind Schwangerschaft und Geburt, Hormonumstellung oder auch eine Gebärmuttersenkung. Besonders während einer Schwangerschaft wird der Beckenboden durch die wachsende Gebärmutter belastet und die Schwangerschaftshormone lockern und dehnen die Muskeln, um die bevorstehende Geburt zu erleichtern.

Das Harnsystem besteht aus den Nieren, Harnleitern, Harnblase und Harnröhre. Das Speichern und Entleeren von Urin in der Harnblase ist ein komplexer Vorgang, an dem Muskeln, Nerven sowie bestimmte Regionen in Gehirn und Rückenmark beteiligt sind. Die Harnblase sammelt den Urin, den die Nieren laufend produzieren. Wenn sie sich füllt, dehnt sich das Hohlorgan langsam aus. Ein Schliessmuskel sorgt dafür, dass kein Urin ungewollt abfliesst. Wenn die Blase etwa halb voll ist, melden Druckrezeptoren in der Blasenwand über die Nerven dies ans Gehirn und man verspürt einen Harndrang.

Beckenboden trainieren gegen Blasenschwäche

Die häufigste Form von Blasenschwäche ist die Belastungs- oder Stressinkontinenz, bei der Husten, Niesen, Lachen, Sport oder Geschlechtsverkehr zu unfreiwilligem Harnverlust führen können. Vorbeugen lässt sich zum Beispiel mit regelmässigem Beckenbodentraining, bei dem der Beckenboden mehrmals angespannt und entspannt wird. Denn eine starke Beckenbodenmuskulatur hilft, den unfreiwilligen Urinverlust in den Griff zu bekommen. Die Beckenbodenmuskulatur besteht aus drei miteinander verwobenen Schichten, die mit dem Schambeinknochen, dem Kreuz- und Steissbein sowie den Sitzhöckern verbunden sind. Sie bilden eine Art Hängematte, die unter anderem Harnröhre und Enddarm verschliesst. Mit Vaginalkugeln oder Vaginalgewichten kann der Beckenboden gezielt gestärkt werden. Ebenso kann Physiotherapie hilfreich sein. Dabei wird den Betroffenen gezeigt, welche Muskelgruppen für die Wiederherstellung von Kontinenz wichtig sind. Das Training kann durch eine Vibrationsplatte oder ein Elektrostimulationsgerät unterstützt werden. Neben regelmässigem Beckenbodentraining empfehlen sich unter anderem auch Pilates, Yoga, Velofahren, Schwimmen oder Nordic Walking. Weniger geeignet für Menschen mit einer sensiblen Blase sind hingegen Joggen, Aerobic, Trampolinspringen oder Sportarten wie Tennis oder Fussball.

Tipps gegen Blasenschwäche

Bewegung: Sportarten wie Walking, Schwimmen oder Yoga halten fit und verbessern die Körperhaltung.

Ausreichend trinken: Bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr können die Nieren den Körper nicht mehr richtig entgiften. Trinken Sie mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungesüssten Tee pro Tag, koffeinhaltige Getränke besser einschränken.

Gewicht halten: Übergewicht drückt auf den Beckenboden und schwächt die Muskulatur in dieser Region.

Ausgewogen essen: Eine ballaststoffreiche Ernährung erleichtert den Stuhlgang. Chronisch starkes Pressen beim Stuhlgang kann dem Beckenboden schaden.

Toilettentraining: Erst zur Toilette gehen, wenn man einen starken Harndrang verspürt. Zu häufiges Wasserlassen kann eine Reizblase begünstigen.

Lasten richtig heben: Beim Heben schwerer Lasten Beine hüftbreit auseinanderstellen, in die Hocke gehen, Rücken gerade halten, Beckenbodenmuskulatur anspannen und dann das Gewicht stemmen.

Für Entspannung sorgen: Stress kann Blasenschwäche fördern. Atem- und Entspannungsübungen oder Meditation wirken dem entgegen.

Warm halten: Eiskalte Getränke und kalte Sitzgelegenheiten meiden. Auch junge Menschen sollten schon auf passende Kleidung achten (Nierengegend schützen, nicht barfuss auf kaltem Boden).

Trink- und Blasentraining

Die zweithäufigste Form von Blasenschwäche ist die Dranginkontinenz, auch unter dem Begriff überaktive Blase bekannt. Typisch dafür ist ein unkontrollierbarer Harndrang, der durch eine gestörte Wahrnehmung der Blasenfüllung oder Kontraktionen der Blasenentleerungsmuskulatur ausgelöst wird. Davon spricht man, wenn jemand überdurchschnittlich häufig tagsüber und auch während der Nacht die Toilette aufsuchen muss. Hier stehen als Therapie ein Trink- und Blasentraining sowie ein Wahrnehmungs- und Verhaltenstraining im Vordergrund, die gerne mit Beckenbodentraining ergänzt werden. Bei Frauen mit einer Kombination aus Belastungs- und Dranginkontinenz – auch Mischinkontinenz genannt – wird meist zuerst das dominierende Problem behandelt.

Risiko auf Inkontinenz steigt mit dem Alter

Das Alter ist beim Thema Blasenschwäche und Inkontinenz ein wesentlicher Faktor. Wie eingangs beschrieben, wird eine kontrollierte Blasenentleerung über einen komplexen Regelmechanismus gesteuert, der intakte Nerven und eine intakte Gehirnfunktion voraussetzt. Während des natürlichen Alterungsprozesses steigt das Risiko für Blasenfunktionsstörungen, und auch Erkrankungen wie Diabetes, Parkinson, Multiple Sklerose oder Demenz können diese begünstigen. Neben unerwünschten Wirkungen bestimmter Arzneimittel ist auch Östrogenmangel in der Menopause eine mögliche Ursache.

Natürliche Heilmittel gegen Blasenschwäche

Auch natürliche Heilmittel können bei Blasenschwäche und Inkontinenz helfen. Dafür eignen sich spagyrische Essenzen wie Brennnesselwurzel, Schachtelhalm- oder Goldrutenkraut. Ebenso unterstützend wirken die Schüssler Salze Nummer 1, 8, 10 und 11. Die Fachkräfte in Ihrer Apotheke oder Drogerie beraten Sie dazu gerne in diskreter Atmosphäre und stellen bei Bedarf kostenlose Proben, Anschauungsmaterial oder Broschüren mit Tipps zu Beckenbodentraining zur Verfügung.

Ralf Anding
Toiletten- und Trinkprotokolle können hilfreich sein.

PD Dr. med. Ralf Anding

Kaderarzt in der Klinik für Urologie des Universitätsspitals BaselT

Wie wird Blasenschwäche oder Inkontinenz diagnostiziert?

Die wichtigsten Informationen liefern die Betroffenen selbst: Wie und wann kommt es zu Harnverlust? Wie viel Urin geht verloren? Wie viel Flüssigkeit führen sie zu sich? Welche weiteren Erkrankungen liegen vor? Erst im Anschluss führe ich körperliche Untersuchungen durch, wie etwa am Beckenboden oder an der Prostata, Urinanalysen, Messungen der Blasenentleerung, Ultraschall von Nieren und Blase. Werden Auffälligkeiten entdeckt, führt dies zu weiteren Abklärungen.

Sind dazu Toiletten- und Trinkprotokolle hilfreich?

Sie sind ein durchaus wichtiges Instrument, um das Trink- und Toilettenverhalten im Alltag zu erfassen und daraus Schlüsse für die Behandlung zu ziehen. Nicht nur die Beratung durch eine Fachperson, sondern auch die Mitwirkung der Betroffenen ist der erste Schritt zur Besserung.

Welche Therapien empfehlen Sie?

Die Behandlung hängt von Art und Ursache der Inkontinenz ab. Liegt eine Störung der Blase vor, kommen zum Beispiel Medikamente zum Einnehmen oder zur Einspritzung in die Blase, Elektrostimulation oder selten auch die operative Vergrösserung der Blase infrage. Bei einer Schliessmuskelschwäche verzeichnen kleine Implantate zur Unterstützung eine hohe Heilungsrate.