Die Geburt ist ein hochkomplexer Prozess, bei dem Hormone, Muskeln, Nerven und Emotionen eng zusammenspielen. Was dabei im weiblichen Körper genau vor sich geht, ist bis heute nicht vollständig entschlüsselt.
Eine Geburt beginnt nicht einfach plötzlich. Vielmehr handelt es sich um ein fein abgestimmtes Zusammenspiel verschiedener Prozesse
im Körper von Mutter und Kind. Hormone, Nervensystem, Psyche und sogar das Immunsystem müssen zusammenspielen, damit die Geburt überhaupt in Gang kommen kann. Stress, Angst oder Anspannung können die hormonellen Abläufe beeinflussen und den natürlichen Prozess erschweren. Eine geschützte und emotional sichere Umgebung hingegen fördert dieses Zusammenspiel optimal.
Gegen Ende der Schwangerschaft verändert sich die hormonelle Situation stark. Das Kind beteiligt sich aktiv am Geburtsbeginn, indem es unter anderem Adrenalin und Oxytocin produziert. Gleichzeitig bereitet sich der Körper der Mutter seit Wochen auf die Geburt vor. Östrogen lockert Bänder und Gewebe, verbessert die Durchblutung und macht das Becken beweglicher. Progesteron wirkt beruhigend und unterstützt den natürlichen Rhythmus der Geburt. Oxytocin wiederum gilt als eines der wichtigsten Geburtshormone: Es löst die Wehen aus.
Der Körper übernimmt die Kontrolle
Die ersten Wehen beginnen oft nachts, weil der Körper dann besser entspannen kann und der Parasympathikus, ein Teil unseres Nervensystems, der für Entspannung und Regeneration zuständig ist, aktiver wird. Zunächst nimmt das Baby im Idealfall eine optimale Geburtsposition ein. Dann wird es durch die Wehen Schritt für Schritt tiefer ins Becken geschoben. Gleichzeitig verändert sich der Gebärmutterhals: Er wird weicher und verkürzt sich. Der Druck des Köpfchens und der Fruchtblase sorgt schliesslich dafür, dass sich der Muttermund langsam öffnet. Ein Prozess, der Stunden dauern kann. Diese sogenannte Latenzphase vor der aktiven Geburt verläuft bei vielen Frauen langsam und unregelmässig.
Je intensiver die Wehen werden, desto stärker ziehen sich die Frauen in sich selbst zurück. Sie konzentrieren sich auf ihre Atmung und reagieren weniger auf ihre Umgebung. Das bewusste Denken tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Viele geraten dann in einen tranceähnlichen Zustand, in dem sie sich voll und ganz auf ihren Körper und die Wehen konzentrieren. Das funktioniert besser, wenn sich die Frau sicher und ruhig fühlt. Andernfalls produziert der Körper weniger Oxytocin, die Muskeln verspannen sich und die Schmerzen werden intensiver wahrgenommen. Eine kontinuierliche Hebammenbetreuung, Massagen und Entspannungsübungen können den Geburtsverlauf positiv beeinflussen.
Sobald sich der Muttermund vollständig geöffnet hat, beginnt die Austrittsphase. In der passiven Austrittsphase gibt es eine Ruhepause, in der die Wehen vorübergehend schwächer werden. Mutter und Kind tanken neue Energie. Danach wird das Baby durch den Geburtsweg geschoben, wobei es aktiv mithilft, indem es den Kopf streckt, beugt oder sogar dreht, damit es durch das Becken unter dem Schambein nach draussen gelangt. Der Druck des Kopfes auf den Beckenboden und den Enddarm löst ein kaum kon-trollierbarer Schiebeimpuls aus. Viele Abläufe geschehen nun beinahe automatisch.
Nach der Geburt folgt die Nachgeburt
In der Nachgeburtsphase löst sich die Plazenta von der Gebärmutterwand und wird ausgestossen. Der Hormonhaushalt verändert sich erneut stark. Mutter und Neugeborenes sind in dieser Zeit oft besonders wach und aufmerksam. Diese ersten Momente nach der Geburt gelten als besonders prägend. Beide nehmen Geruch, Stimme und Nähe intensiv wahr. Gleichzeitig zieht sich die Gebärmutter erneut zusammen. Dadurch entstehen die typischen Nachwehen, die besonders beim Stillen spürbar sein können.
Die Geburtsarbeit endet jedoch nicht abrupt. Der Körper braucht nun Zeit, um sich vom Ausnahmezustand zu erholen. Für Mutter und Kind beginnt nun eine intensive erste gemeinsame Phase. Der Körper hat über Stunden hinweg Höchstleistungen erbracht, getragen von einem komplexen Zusammenspiel aus Hormonen, Muskeln, Instinkten und Emotionen, das bis heute nicht vollständig erforscht ist.

Rafaela Joos
Hebamme MSc, Co-Präsidentin Sektion Geburtshaus- und Hausgeburtshebammen des Schweizerischen Hebammenverbandes SHV
Viele Frauen haben Angst vor der Unvorhersehbarkeit einer Geburt. Woher kommt diese Angst?
Wir wachsen oft mit Geschichten über Schmerzen, Kontrollverlust oder Notfällen auf. Gleichzeitig sind Geburten heute kaum noch ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags. Nachweislich reduzieren Schwangerschaftskontrollen durch die Hebamme und eine 1:1-Betreuung während der Geburt Ängste und führen zu einem besseren Allgemeinzustand von Mutter und Kind.
Warum erleben viele Frauen die Geburt als Kontrollverlust?
Weil der Körper irgendwann die Führung übernimmt. Genau das ist jedoch wichtig für den Geburtsverlauf. Wenn eine Frau ihrem Körper vertraut, erlebt sie die Geburt oft als weniger schmerzhaft.
Wie können Partner oder Partnerin konkret unterstützen?
Vor allem sollten sie Ruhe und Sicherheit vermitteln und die Gebärende immer wieder ermutigen. Denn Angst oder Stress übertragen sich oft direkt auf die Gebärende. Manchmal hilft es auch, wenn zusätzlich eine vertraute Person dabei ist.
Welche Mythen rund um die Geburt begegnen Ihnen häufig?
Viele glauben, eine Geburt im Spital sei grundsätzlich sicherer. Für gesunde Frauen mit unkomplizierter Schwangerschaft sind Hausgeburten und Geburtshäuser gleichermassen sicher. Ausserdem wird oft unterschätzt, wozu der weibliche Körper fähig ist.
Rund um die Familie
Möchten Sie weitere Infos zu Schwangerschaft und Familie erhalten? Die Website eusifamilie.ch hält viele Tipps und Tricks für Sie parat.