Longevity

Ratgeber / Gesundheit

Longevity: Länger und besser leben

24.04.2026 / von 

Das medizinische Konzept Longevity (Langlebigkeit) rückt den Lebensstil in den Mittelpunkt und erforscht, wie Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität möglichst lange erhalten bleiben können

Longevity ist derzeit in aller Munde. Bücher, Podcasts, Studien und Produkte greifen das Thema auf – und der Hype hat längst auch die Schweiz erreicht. «Longevity» wird auf Deutsch gerne mit «Langlebigkeit» übersetzt, doch die Übersetzung beschreibt das Konzept nicht ganz präzise. Es geht nicht darum, das Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern darum, wie lange Menschen gesund bleiben und ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von «Healthspan» – also von der Zeitspanne, in der Menschen körperlich, geistig und sozial gesund und aktiv bleiben. Entscheidend ist dabei weniger ein einzelner Faktor als das Zusammenspiel von Biologie, Umwelt und Verhalten über den gesamten Lebensverlauf hinweg.

Zwar beeinflussen genetische Voraussetzungen, wie anfällig ein Mensch für bestimmte Krankheiten ist. Doch Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren: Der grössere Hebel liegt im Lebensstil – also in Dingen, die wir täglich beeinflussen können. Ernährung, Bewegung, Schlaf, der Umgang mit Stress und soziale Beziehungen prägen Alterungsprozesse stärker, als lange angenommen wurde. Longevity beginnt deshalb nicht erst im hohen Alter, sondern im Alltag – oft schon Jahrzehnte früher.

Ernährung: Qualität statt Verzicht

Ein zentraler Schlüssel für gesundes Altern liegt in der Ernährung. Eine pflanzenbetonte Kost mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und gesunden Fetten kann Entzündungsprozesse im Körper reduzieren. Gleichzeitig spielen Mass und Regelmässigkeit eine wichtige Rolle. Ein hoher Zucker- und Alkoholkonsum belastet den Stoffwechsel und kann zu chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden führen, welche die Lebensqualität im Alter deutlich beeinträchtigen können.

Entscheidend ist dabei weniger eine einzelne Ernährungsform als vielmehr das langfristige Muster. Longevity bedeutet nicht strikten Verzicht, sondern bewusste Entscheidungen, die sich über Jahre hinweg in den Alltag integrieren lassen. Gemeint sind einfache, wiederkehrende Entscheidungen – etwa was regelmässig auf dem Teller liegt und was eher die Ausnahme bleibt. Gerade diese Konstanz wirkt sich langfristig positiv auf die Gesundheit aus.

Bewegung: Ein Leben lang aktiv bleiben

Zwar wird mit dem Begriff «Anti-Aging» vieles beworben – von Cremes bis zu Nahrungsergänzungsmitteln. Doch eine Erkenntnis gilt seit Jahren als gut belegt: Das wirksamste Anti-Aging-Programm ist regelmässige Bewegung. Sie stärkt Herz und Kreislauf, erhält Muskelmasse und Knochendichte und unterstützt die geistige Leistungsfähigkeit. Auch Sport spielt dabei eine wichtige Rolle – vor allem dann, wenn er regelmässig ausgeübt und an die eigenen Möglichkeiten angepasst ist. Bereits moderate körperliche Aktivitäten wie zügiges Gehen, Velofahren, Schwimmen oder Gartenarbeit zeigen messbare Effekte. Besonders wirksam ist Bewegung, wenn sie Teil des Alltags wird.

Soziale Beziehungen: Der unterschätzte Faktor

Lange gesund zu leben, hat auch mit anderen Menschen zu tun. Wer stabile und verlässliche Beziehungen pflegt, ist seelisch oft ausgeglichener und bleibt auch körperlich länger gesund. Gespräche, Nähe und das Gefühl, dazuzugehören oder gebraucht zu werden, wirken sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Umgekehrt kann anhaltende Einsamkeit belasten – ähnlich wie Bewegungsmangel oder eine unausgewogene Ernährung.

Hilfreich sind dabei oft einfache, verbindliche Aktivitäten: ein Kochkurs in der Gruppe, regelmässige Spaziergänge, Kaffeetreffen oder Vereinsaktivitäten. Sie schaffen Begegnungen und geben dem Alltag Struktur.

Schlaf: Regeneration braucht Zeit

Im Schlaf kommt der Körper zur Ruhe. Er nutzt diese Zeit, um sich zu erholen und Kraft zu sammeln. Das Immunsystem wird gestärkt, und das Gehirn verarbeitet, was tagsüber passiert ist. Wer über längere Zeit zu wenig schläft, merkt das oft deutlich – an der Belastbarkeit, der Konzentration oder dem allgemeinen Wohlbefinden. Und auf Dauer leidet auch die Gesundheit. Umso wichtiger ist es, dem Schlaf ausreichend Raum zu geben: mit regelmässigen Schlafzeiten, genügend Erholung und einem bewussten Umgang mit digitalen Medien.

Die innere Balance finden

Anhaltender Stress belastet nicht nur die Psyche, sondern wirkt sich auch auf den Körper aus. Wer über längere Zeit unter Druck steht, merkt das oft durch Erschöpfung oder eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten. Auch Alterungsprozesse können dadurch beschleunigt werden. Longevity bedeutet deshalb auch, mit Belastungen bewusst umzugehen. Dazu gehören Pausen, realistische Prioritäten, Unterstützung aus dem Umfeld und Zeiten, in denen Ausgleich möglich ist.

Gesundes Altern lebt letztlich von genau diesem Gleichgewicht. Wenn Phasen der Anspannung und der Erholung einander abwechseln, entsteht über die Jahre hinweg Stabilität. Genau darin liegt ein zentraler Gedanke der Longevity: nicht nur lange, sondern gut zu leben.

Heike Bischoff-Ferrari
Unsere Gene bestimmen nur zu einem kleinen Teil, wie alt wir werden.

Prof. Dr. med. Heike Bischoff-Ferrari

Professorin für Altersmedizin an der Universität Basel und der Universitären Altersmedizin Felix Platter Basel; Direktorin des Schweizer Campus für gesunde Langlebigkeit

Wie würden Sie den aktuellen Stand der Langlebigkeitsforschung einordnen?

Die zentrale Erkenntnis ist, dass wir den biologischen Alterungsprozess heute erstmals direkt messen können. Mit modernen molekularen Methoden lässt sich im Blut beobachten, wie sich Lebensstilfaktoren wie Bewegung oder Ernährung auf das Altern auswirken. Das erklärt, warum ein gesunder Lebensstil das Risiko für sehr unterschiedliche chronische Erkrankungen senken kann: Er verlangsamt den biologischen Alterungsprozess.

Was ist entscheidender für gesundes Altern: Gene oder Lebensstil?

Unsere Gene bestimmen nur zu einem kleinen Teil, wie alt wir werden. Der deutlich grössere Einfluss liegt im Lebensstil. Bewegung, Ernährung oder Stress können genetische Risiken abschwächen oder verstärken. Genau hier liegt auch unsere Möglichkeit, selbst etwas zu beeinflussen.

Was halten Sie von Methoden wie Intervallfasten oder Kalorienrestriktion?

Studien zeigen, dass eine moderate Kalorienreduktion positive Effekte auf Stoffwechsel, Entzündung und den biologischen Alterungsprozess haben kann. Intervallfasten kann eine Möglichkeit sein, weniger Kalorien aufzunehmen – entscheidend ist aber, dass man sich dabei wohl und leistungsfähig fühlt und insgesamt ausgewogen isst.

Wie wichtig sind Nahrungsergänzungsmittel?

Für viele Supplemente fehlt bislang eine solide wissenschaftliche Grundlage. Gute Evidenz gibt es hingegen für Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren. Die zwei grossen Studien «Vital» und «Do-Health» zeigen, dass sie bei gesunden Menschen ab 50 Jahren unter anderem das Risiko für bestimmte Erkrankungen senken können. Dabei wurde für Vitamin D eine Dosierung von 2000 IE am Tag und für Omega-3 ein Gramm am Tag untersucht. Höhere Dosierungen sind nicht empfohlen.