Mit fortschreitendem Alter scheint das Gedächtnis nachzulassen. Diese Erfahrung machen viele Menschen – doch es lässt sich einiges dagegen tun. Denn unser Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar.
Alles beginnt mit den Sinnen. Wir hören einen Namen, sehen ein Gesicht oder lesen eine Information. Diese Eindrücke landen zunächst im Kurzzeitgedächtnis, das mit einer Pinnwand vergleichbar ist. Jede Erinnerung wird dort wie ein Notizzettel aufbewahrt. Doch diese Pinnwand ist nicht sehr gross, und so entrümpelt unser Gehirn das Kurzzeitgedächtnis laufend, um Platz für Neues zu schaffen. Wichtige Informationen, auf die wir uns konzentrieren, wandern weiter ins Langzeitgedächtnis, die unwichtigen Informationen werden wieder gelöscht. Das ergibt durchaus Sinn, denn vieles, was wir wahrnehmen, hat keinen Nutzen für uns.
Wie das Gedächtnis funktioniert
Dennoch kommt es vor, dass wir Informationen vergessen, die wir eigentlich noch bräuchten. Ein klassisches Beispiel: Man ist an einer Veranstaltung und lernt dort neue Personen kennen. Alle stellen sich vor und man unterhält sich weiter. Oft ist der Name des Gegenübers schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. Das liegt daran, dass man sich zu wenig darauf konzentriert hat, den Namen zu verinnerlichen. Wenn man jedoch den Namen der neuen Bekanntschaft mit etwas Persönlichem verbindet – etwa einem Hobby oder einem auffälligen Merkmal –, bleibt er eher hängen. Denn Lernen bedeutet, Verknüpfungen zu schaffen. Im Gehirn passiert dabei Folgendes: Die Nervenzellen bilden bei jeder ankommenden Information neue Verbindungen oder verstärken bereits bestehende. Je häufiger wir etwas wiederholen oder anwenden, desto stabiler wird diese Verbindung. Ähnlich einem Pfad im Wald, der mit jedem Spaziergang fester getreten wird. Wenn wir uns an etwas erinnern, betreten wir also diesen Pfad erneut. Das klappt manchmal mühelos, doch ab und zu braucht es einen kleinen Anstoss.
Warum wir vergessen
Vergesslichkeit ist bis zu einem gewissen Grad ganz normal und auch nötig, um das Gehirn nicht zu überlasten. Wer hat nicht schon den Autoschlüssel im Kühlschrank gefunden oder eine Einkaufsliste zu Hause liegen lassen? Auch das berühmte «Es liegt mir auf der Zunge!» ist meistens harmlos. Das Gehirn ist ständig mit Reizen beschäftigt: E-Mails, Nachrichten, Termine, Lärm – oft fühlen wir uns regelrecht überflutet. Da kann schon mal etwas untergehen. Logisch, dass Konzentrationsprobleme besonders häufig in stressigen Phasen auftreten. Schlafmangel, Zeitdruck oder emotionale Belastung lassen das Gedächtnis leiden. Multitasking gilt in unserer schnelllebigen Zeit zwar als modern, doch es überfordert das Gehirn oft. Wer gleichzeitig telefoniert und E-Mails liest, kann sich am Ende weniger merken.
Smartphone und Gehirn – Freunde oder Feinde?
Das Smartphone ist aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Doch es beeinflusst, wie unser Gehirn arbeitet. Studien zeigen, dass Wissen zunehmend ausgelagert wird: Statt Informationen zu speichern, merken wir uns, wo wir sie finden. Dieser sogenannte Google-Effekt entlastet unser Gehirn zwar kurzfristig, trainiert das Gedächtnis aber weniger. Hinzu kommt Multitasking: Kurze Nachrichten, Social Media und E-Mails unterbrechen ständig unsere Aufmerksamkeit. Unser Gehirn springt zwischen verschiedensten Aufgaben hin und her, konzentriertes Denken fällt schwerer. Bereits die blosse Anwesenheit des Smartphones kann die Leistungsfähigkeit senken.
Tipps für mehr Fokus:
• Push-Nachrichten auf das Nötigste reduzieren.
• Smartphone-freie Zeiten und Zonen festlegen (z.B. im Schlafzimmer, am Esstisch).
• Bewusst Informationen merken, nicht alles sofort nachschlagen.
• Aufgaben nacheinander erledigen statt gleichzeitig.
• Das Smartphone ausser Sichtweite legen, wenn Konzentration gefragt ist.
Wann sollte man genauer hinschauen?
Besorgniserregend wird Vergesslichkeit erst dann, wenn sie den Alltag deutlich beeinträchtigt. Zum Beispiel, wenn vertraute Abläufe plötzlich schwerfallen: Das bekannte Kuchenrezept gelingt nicht mehr, der Heimweg erscheint plötzlich ungewohnt oder wichtige Termine werden regelmässig vergessen. Auch anhaltende Wortfindungsstörungen oder das häufige Verlegen von Gegenständen an ungewöhnlichen Orten können Warnzeichen und schlimmstenfalls Vorboten einer neurodegenerativen Erkrankung sein. Wichtig ist: Solche Veränderungen kommen schleichend. Oft bemerken sie zuerst Angehörige oder Freunde. Eine frühzeitige ärztliche Abklärung schafft Klarheit und entlastet.
Demenz und Alzheimer – was steckt dahinter?
Demenz ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen, bei denen geistige Fähigkeiten nachlassen. Dazu zählen Gedächtnis, Denken, Sprache und Orientierung. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit. Dabei lagern sich bestimmte Eiweissstoffe im Gehirn ab, welche die Kommunikation zwischen den Nervenzellen beeinträchtigen. Nach und nach sterben diese Zellen ab. Betroffen sind zunächst Bereiche, die für Erinnerung zuständig sind, später auch andere Hirnregionen. Die Erkrankung entwickelt sich langsam über Jahre hinweg. Eine genetische Veranlagung kann das Risiko einer Erkrankung zwar erhöhen, ist aber selten alleinige Ursache. Viele weitere Faktoren wie Lebensstil, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Bewegung, soziale Interaktionen und geistige Aktivität spielen ebenfalls eine Rolle.
Das Gehirn bleibt lernfähig
Hier kommt die gute Nachricht: Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter formbar. Fachleute sprechen dabei von neuronaler Plastizität. Das bedeutet, dass neue Erfahrungen neue Verbindungen schaffen – unabhängig vom Alter. Wer etwa mit 60 Jahren beginnt, ein Instrument zu lernen, fordert sein Gehirn genauso heraus wie ein Jugendlicher. Auch eine neue Sportart, ein Tanzkurs oder das Lernen einer Fremdsprache wirken wie Fitness für den Kopf. Selbst kleine Veränderungen im Alltag helfen: einen anderen Weg spazieren, mit der nicht dominanten Hand die Zähne putzen oder neue Rezepte ausprobieren.
Bewegung, Schlaf und soziale Kontakte
Regelmässige Bewegung verbessert die Durchblutung des Gehirns und unterstützt die Bildung neuer Nervenzellen. Schon ein täglicher Spaziergang kann viel bewirken. Ebenso entscheidend ist guter Schlaf: In der Nacht sortiert das Gehirn Erlebnisse und festigt Erinnerungen. Und nicht zu unterschätzen sind soziale Kontakte. Gespräche, gemeinsames Lachen, Diskussionen oder Spiele in der Gruppe fordern Aufmerksamkeit, Sprache und Emotionen zugleich. Wer sich austauscht, bleibt geistig beweglich. Vergesslichkeit ist menschlich – geistige Aktivität eine Investition. Wer neugierig bleibt, sich bewegt, gut schläft und soziale Nähe pflegt, stärkt Gedächtnis und Konzentration – und erhöht damit die Chance auf lebenslange geistige Gesundheit.
Benutzen wir tatsächlich nur 10 Prozent unseres Gehirns?
Das ist ein hartnäckiger Mythos, der jedoch definitiv falsch ist. Wir nutzen nicht nur 10 Prozent unseres Gehirns, sondern praktisch alle Bereiche, und zwar je nach Aufgabe unterschiedlich. Selbst im Schlaf ist das Gehirn hochaktiv: Es sortiert Erinnerungen, reguliert Körperfunktionen und verarbeitet Emotionen. Würden 90 Prozent brachliegen, hätten Neurolog*innen wenig zu tun. Kurz gesagt: Unser Gehirn ist kein Gerät im Sparmodus, im Gegenteil – es arbeitet rund um die Uhr auf Hochtouren.

Gertrud Kläy
Apothekerin und Co-Betriebsleiterin
Welche Gesundheitschecks fördern die Gehirngesundheit?
Einfache Gedächtnistests beim Hausarzt können frühe Veränderungen aufzeigen. Neu ist seit 2025 in der Schweiz ein Bluttest verfügbar, der Alzheimer-Biomarker misst. Ebenso wichtig: regelmässig den Blutdruck kontrollieren, denn Werte über 140/90 mm Hg im mittleren Lebensalter schädigen die Hirngefässe. Auch starkes Übergewicht, Diabetes vor dem 70. Lebensjahr und stark erhöhtes HDL-Cholesterin gelten als Risikofaktoren. Hör- und Sehtests verhindern unbehandelte Einschränkungen, die eine Demenzentwicklung begünstigen könnten.
Welche Nahrungsergänzungsmittel unterstützen das Gehirn?
Da gibt es vieles. Ginkgoextrakt kann die Hirndurchblutung sowie Gedächtnis und Konzentration fördern. Bei Vitamin-B12-Mangel verbessert ein Supplement die Gedächtnisleistung. Omega-3-Fettsäuren stärken die Nervenzellmembranen und wirken geistiger Ermüdung entgegen, Vitamin D3 kann einen positiven Einfluss auf das Gemüt haben. Wir beraten Sie dazu gerne.
Welche einfachen Tipps verbessern die Konzentration?
Fordern Sie Ihr Gehirn mit neuen Sprachen, Hobbys oder Rätseln. Trinken Sie ausreichend Wasser oder Tee, ernähren Sie sich ausgewogen und gesund. Bewegung bringt mehr Sauerstoff ins Gehirn, guter Schlaf sorgt für geistige Frische. Bei zunehmender Vergesslichkeit, Orientierungsproblemen, Verwirrtheit oder sozialem Rückzug sollten Sie dies aber unbedingt ärztlich abklären lassen.