Einsamkeit wirkt oft unsichtbar – und kann Körper und Psyche stark belasten. Nadia Pernollet von der Stiftung Pro Mente Sana weiss, wer besonders gefährdet ist und welche Wege aus der Einsamkeit helfen.

Nadia Pernollet
Fachverantwortliche Psychosoziales bei Pro Mente Sana
Nadia Pernollet, viele Menschen verwechseln Einsamkeit mit Alleinsein. Wie unterscheiden sich diese beiden Gefühle?
Alleinsein beschreibt einen äusseren Zustand: Man ist von niemandem umgeben. Dieser Zustand ist häufig freiwillig gewählt und kann sehr positiv erlebt werden, etwa als kreativ, beruhigend oder stärkend. Einsamkeit hingegen ist ein inneres und belastendes Gefühl fehlender Verbundenheit. Es kann überall entstehen – auch mitten in einer Grossstadt, umgeben von vielen Menschen.
Wann wird Einsamkeit zum Problem?
Wenn das Gefühl über längere Zeit anhält und Nähe fehlt, geraten viele Menschen in einen Teufelskreis. Viele Betroffene ziehen sich zurück, weil sie glauben, niemand interessiere sich für sie. Dadurch verlieren sie zunehmend den Anschluss an ihr Umfeld. Je länger das andauert, desto schwieriger wird der Weg zurück in den Austausch mit anderen.
Wie wirkt sich das auf Körper und Psyche aus?
Anhaltende Einsamkeit setzt den Körper unter Dauerstress. Sie wirkt ähnlich belastend wie Rauchen oder Bluthochdruck. Das Immunsystem schwächelt, Schlafprobleme nehmen zu und das Risiko für Angststörungen, Depressionen sowie Gedächtnisprobleme steigt.
Lässt sich chronische Einsamkeit von einer Depression überhaupt unterscheiden?
Das ist oft schwierig, denn beides kann sich sehr ähnlich äussern: Rückzug, Interessenverlust, eine gedrückte Stimmung, wenig Interesse am Alltag. Einsamkeit kann ein Auslöser, aber auch ein Symptom einer Depression sein. Klar ist: Stabile Beziehungen schützen. Wer Menschen hat, die für einen da sind, kann psychische Belastungen besser bewältigen.
Ein gutes Umfeld ist somit der beste Schutz vor Einsamkeit?
Menschen mit einem stabilen sozialen Netz bewältigen Krisen deutlich besser. Sie finden Halt, Orientierung und erfahren Unterstützung. Ein fehlendes Netzwerk ist hingegen ein Risikofaktor für die psychische Gesundheit. Viele Menschen mit psychischen Belastungen holen sich zudem erst spät Hilfe. Ein Gefühl von Verbundenheit wirkt deshalb wie ein Schutzschild.
Gibt es Lebensphasen, in denen Menschen besonders anfällig für Einsamkeit sind?
Ja, häufig passiert das in Phasen des Übergangs. Bei jungen Menschen kann das etwa der Start ins Berufsleben oder ein Umzug sein. Plötzlich ist das gewohnte Umfeld weg und man muss sich neu orientieren. Bei älteren Menschen ist die Pensionierung oft eine grosse Umstellung.
Inwiefern?
Der Alltag verändert sich von einem Tag auf den anderen. Wenn Arbeit ein wichtiger Identitätsanker war und soziale Kontakte kaum ausserhalb des Berufs gepflegt wurden, steigt das Risiko für Einsamkeit. Hinzu kommen oft Belastungen wie der Verlust der Partnerin oder des Partners, eine schwere Erkrankung oder eine Trennung.
Haben Frauen und Männer ein unterschiedlich hohes Risiko, einsam zu werden?
Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung berichten mehr Frauen als Männer, sich häufig bis sehr häufig einsam zu fühlen. Forschungsergebnisse deuten jedoch auch darauf hin, dass Frauen eher über solche Gefühle sprechen, während Männer sie seltener thematisieren.
Das heisst vermutlich nicht, dass sie weniger betroffen sind.
Bei Männern zeigt sich manchmal eine «verdeckte Einsamkeit», die sich beispielsweise im Rückzug oder in ungesunden Bewältigungsstrategien wie Alkoholkonsum äussern kann. Das hängt auch mit traditionellen Rollenbildern zusammen. Ich hoffe sehr, dass die jüngere Generation künftig offener mit dem Thema umgeht.
Apropos jüngere Generation: Welche Rolle spielen soziale Medien? Helfen Sie – oder machen sie es schlimmer?
Beides. Auf der positiven Seite ermöglichen sie Verbundenheit über grosse Distanzen, besonders in Krisenzeiten wie der Pandemie. Gleichzeitig ersetzen digitale Kontakte keine echten Begegnungen. Übermässige Nutzung kann reale Beziehungen verdrängen – und der ständige Vergleich mit idealisierten Onlinewelten kann vor allem Jugendliche zusätzlich belasten. Wichtig ist die Balance: digitale Nähe ja, aber nicht als Ersatz für reale Bindungen.
Warum tun uns echte Begegnungen so gut?
Weil sie Verbundenheit schaffen. Dieses Gefühl ist zentral für ein gesundes Leben. Gute, echte Beziehungen bieten Schutz, Halt und Wertschätzung. Sie beeinflussen unser Wohlbefinden stärker als beispielsweise unser Einkommen oder unser sozialer Status. Menschen, die sich getragen fühlen, können Krisen besser bewältigen.
Was kann man tun, um Einsamkeit vorzubeugen?
Kontakte aktiv pflegen – auch wenn es manchmal Überwindung kostet. Schon kleine Gesten schaffen Nähe. Häufig reicht schon eine kurze Nachricht, ein Anruf, ein spontanes Treffen. Routinen wie gemeinsame Spaziergänge, Kaffee-Treffen oder Vereinsaktivitäten helfen ebenfalls, weil sie Verbindlichkeit schaffen.
Und wenn man bereits in der Einsamkeit steckt: Wie kommt man da wieder heraus?
In kleinen Schritten: Reaktivieren Sie alte Kontakte, probieren Sie neue Aktivitäten aus oder engagieren Sie sich in ehrenamtlichen Gruppen. Wenn das nicht gelingt, können externe Angebote unterstützen.
Wie können Angehörige das Thema sensibel ansprechen?
Nicht mit Etiketten wie «Du bist einsam», sondern mit ehrlichem Interesse: «Wie geht es dir wirklich?» oder «Ich habe bemerkt, dass du dich zurückziehst. Ich mache mir Sorgen um dich.» Wichtig sind aktives Zuhören, Wertfreiheit und das Vermeiden ungefragter Ratschläge. Besser ist es zu fragen, ob die Person Unterstützung oder konkrete Tipps möchte.
Fast eine halbe Million Betroffene
Einsamkeit betrifft Menschen jeden Alters. Laut Pro Senectute fühlt sich in der Schweiz jede vierte Person über 55 Jahre einsam – das sind rund 444’500 Betroffene. Gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium fühlen sich 12 Prozent der 15- bis 24-jährigen Frauen häufig oder sehr häufig einsam, gegenüber acht Prozent der gleichaltrigen Männer. Gleichzeitig zeigt eine europaweite Studie der Bertelsmann-Stiftung, dass sich gar rund 57 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren moderat oder stark einsam fühlen. Einsamkeit ist damit kein Randphänomen, sondern ein verbreitetes, altersübergreifendes Thema.
Unterstützung finden Betroffene bei der Dargebotenen Hand (143), den Angeboten von Pro Senectute, in lokalen Projekten wie Tavolata sowie in der psychosozialen Beratung von Pro Mente Sana, die Orientierung bietet und zu regionalen Angeboten weitervermittelt. Mehr dazu unter promentesana.ch/beratung.