Ratgeber / Gesundheit

Diagnosen von «Dr. Google»

24.09.2020 / von 

Im Internet kann man sich viel Wissen aneignen, aber auch einen Haufen unseriöse Informationen finden. Über den Umgang mit «Dr. Google» haben wir mit Dr. med. Christian Wenk und Dr. med. Fabian Unteregger gesprochen.

«Ich finde es hervorragend, wenn sich Patienten im Internet schlaumachen, bevor sie zu mir in die Praxis kommen. So haben sie sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt und können meine Informationen besser einordnen», sagt Dr. med. Christian Wenk, Internist aus Schenkon. «Aber es gibt auch Fallstricke wie Angst im Zusammenhang mit ‹Fake News› oder mangelnden Sachverstand. Man recherchiert ja meist schon aus Sorge wegen eines Symptoms. Dann ist zum Beispiel ein simples Kopfweh gefühlt rasch einmal ein Hirntumor.»

Information aus dem Internet

Wenk mag kritische Patienten, auch solche, die es Ärzten gegenüber sind. Vielleicht hat dies mit seiner eigenen Geschichte zu tun, denn er war selbst länger Patient, als ihm lieb war. Einst war Christian Wenk nämlich ein Weltklasse-Duathlet. Seit einem Trainingsunfall am 20. September 2000, den er nur knapp überlebte, ist er Paraplegiker. Ein weiterer Unfall geschah im Jahr 2017, die dadurch erlittenen Verletzungen sowie anschliessende Komplikationen machten 38 Operationen notwendig. Wieder wäre er zweimal fast gestorben. Der Internist kennt also die Warte des Patienten sehr gut. «In dieser Zeit habe ich oft im Internet nach Informationen gesucht, die mir gesundheitlich helfen konnten», erinnert er sich. «Die beste frei zugängliche Quelle für unabhängige Fakten – auch medizinische – ist eindeutig Wikipedia. Oft sind auch Info-Seiten von gewissen Unispitälern hochstehend. Unbedingt abraten würde ich dagegen von Blogs und Foren.» Auch in der Sprechstunde kommt das Internet oft zum Einsatz – Christian Wenk zeigt seinen Patienten dann meist Bilder, um ihnen eine Diagnose oder medizinische Zusammenhänge zu veranschaulichen.

Interpretation durch Fachleute

Die Praxis von Dr. med. Fabian Unteregger ist die Bühne, auf der der Komiker und Kabarettist mit seinem Programm «Doktorspiele» auftritt. Parallel dazu arbeitet er jedoch an seinem Grundlagen-Forschungsprojekt zur menschlichen Stimme. Auch er bricht eine Lanze für die Internetsuche: «Sich schlauzumachen, ist immer gut. Das setzt allerdings voraus, dass man realisiert hat, dass man noch nicht schlau ist – mir passiert das täglich.» Allerdings habe das seine Tücken. «Wenn jemand einen Schmerz im rechten Unterbauch verspürt, dann wird sie oder er die Website finden, die behauptet, das sei nun definitiv ein tödlicher Tumor. Dabei hat sie oder er einfach bei einer Rumpfbeuge den Muskel überanstrengt. Das Gute ist, dass man spätestens dann realisiert, dass man Bauchmuskeln hat», sagt Fabian Unteregger mit einem Augenzwinkern und wird bald wieder ernst: «Das Interpretieren medizinischer Informationen gehört in die Hände von Profis.» Deshalb rät er, stets mehrere Quellen zu konsultieren und dann eine Fachperson auf das gefundene Wissen anzusprechen. Fabian Unteregger: «Websites, auf denen ich selbst immer wieder lande, sind Wikipedia, Netdoktor oder Flexikon. Sobald auf einer Internetseite penetrant Werbung für ein Medikament oder eine Therapie gemacht wird, würde ich davon Abstand nehmen.»

Internet-Selbstmedikation - Ja oder Nein?

Und was meinen die beiden Ärzte zu Selbstmedikation aufgrund von Internet-Recherchen? Da decken sich die Meinungen nicht ganz. «Man muss dabei unbedingt den gesunden Menschenverstand walten lassen», ist Christian Wenk relativ gelassen. Denn der Einkauf von nicht rezeptpflichtigen Medikamenten in Drogerien oder Apotheken ist in der Regel unbedenklich. Dort bekommt man auch Informationen zur Dosierung oder für den Fall, dass noch andere Medikamente eingenommen werden. Fabian Unteregger sieht die Internet-Selbstmedikation ein wenig anders. «Sie würden sich auch nicht ins Cockpit eines Flugzeuges setzen, weil Sie tags zuvor einen Youtube-Film darüber geschaut haben, wie man ein Flugzeug fliegt», sagt er. «Das für alle im Internet verfügbare Wissen ist ein Segen. In Bezug auf die Medizin stösst man jedoch an Grenzen.» Es hat schon einen Grund, weshalb Medizinstudium, Facharztausbildung, aber auch die Ausbildung von Fachpersonen in Apotheken und Drogerien viel Zeit in Anspruch nehmen. Und was ist nun die Quintessenz? Christian Wenks Fazit ist klar: «Das Internet ersetzt den Arzt auf keinen Fall, aber es ergänzt ihn gut.»