Insekten

Ratgeber / Naturheilkunde

Der Schutz von Insekten als Lebensaufgabe

24.03.2022 / von 

Vom Insektentöter zum Fliegenretter: Biozid-Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus hat sich die Förderung der Biodiversität und den Schutz der Insekten zur Lebensaufgabe gemacht. Im Interview erklärt er, weshalb Insekten so wichtig sind – und warum die Tiere besonders stark bedroht sind.

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus
Den Insekten in der Schweiz geht es nicht gut - der Bestand ist seit Jahren stark rückläufig.

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus

Leiter Reckhaus GmbH & Co.

Herr Dr. Reckhaus, angenommen, eine Fliege tanzt gerade um Ihre Nase herum. Was tun Sie?

Zunächst versuche ich sie zu vertreiben. Wenn das nicht gelingt, greife ich zum Insektenretter, den wir in unserem Unternehmen eigens für solche Situationen entwickelt haben. Damit können die Fliegen behutsam gefangen und draussen freigelassen werden.

Die meisten von uns würden wohl eher anders reagieren.

Bis 2012 habe ich jedes Insekt in unserem Haushalt getötet und hatte überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Seit neun Jahren töte ich jedoch grundsätzlich kein Insekt mehr. Die einzige Ausnahme sind Stechmücken nachts im Schlafzimmer.

Wie kommt man als Hersteller von Insektenschutzmittel zu so einem Sinneswandel?

Vor einigen Jahren engagierte ich die zwei Künstler Frank und Patrik Riklin, die unsere neue Fliegenfalle bewerben sollten. Da die beiden das Geschäftsmodell Töten nicht unterstützen, erteilten sie mir eine Absage. Stattdessen forderten die beiden mich aktiv auf, mein Geschäftsmodell zu ändern, und präsentierten mir die Kunstaktion «Fliegen retten». Nach zwei schlaflosen Nächten entschloss ich mich, gemeinsam mit den beiden Künstlern die Aktion umzusetzen. Daraus entstand die Bewegung «Insect Respect» – und ich wurde Schritt für Schritt vom Insektentöter zum Insektenretter.

Warum sind Insekten so wichtig für uns?

Insekten bestäuben Pflanzen und ermöglichen dadurch viele Kreisläufe in unserem Ökosystem. Sie sind Wachstumsbeschleuniger und tragen essenziell zur Vielfalt von Arten und Lebensräumen bei. Insekten sind die Hauptnahrung für viele Tiere. Vor allem Vögel, Amphibien, Reptilien, Säugetiere und Süsswasserfische kommen ohne sie nicht aus. Somit spielen Insekten eine Schlüsselrolle für zahlreiche Nahrungsketten. Für den Menschen produzieren sie wichtige Lebensmittel und helfen bei der Hygiene. Mit anderen Worten: Der Nutzen, den Insekten für die Natur und den Menschen stiften, ist von unschätzbarem Wert.

Wie geht es den Insekten in der Schweiz?

Nicht gut! Der Insektenbestand ist seit Jahren stark rückläufig. Gut 40 Prozent der 30'000 heimischen Insektenarten sind in ihrem Bestand gefährdet.

Wodurch wird das massive Insektensterben ausgelöst?

Einerseits verschwinden durch die intensive Landwirtschaft immer mehr Insekten aus unserer Landschaft, andererseits führt die zunehmende Zerschneidung der Lebensräume zu massivem Insektensterben. Und natürlich tragen auch Insektizide zum Rückgang bei. Genau deshalb sollten wir uns für eine reduzierte und bewusstere Insektenbekämpfung einsetzen und insektenfreundliche Lebensräume schaffen.

Warum ist uns das bisher nicht gelungen?

Im Gegensatz zu anderen Tieren haben Insekten keine Lobby. In unserer aufgeräumten Welt möchte man eigentlich nur das Herumfliegen sehen, was uns entweder sympathisch oder herzig erscheint. Bienen, Schmetterlinge, Marienkäfer zum Beispiel. Ich hingegen setze mich bewusst für Fliegen, Mücken, Motten und Ameisen ein. Wir brauchen ein völlig neues Verständnis im Umgang mit diesen Tieren.

Trotzdem bieten Sie Ihrer Kundschaft noch immer Insektenbekämpfungsmittel an. Wie passt das zusammen?

Eine berechtigte Frage. Ich lebe leider noch nicht von der Förderung und der Rettung der Insekten, sondern von deren Tötung. Wenn Sie Lebensmittelmotten, Schaben oder Kakerlaken in der Küche haben, finde ich es nach wie vor legitim, diese Tiere zu bekämpfen. Dann brauchen Sie entsprechende Produkte dafür. Ich kämpfe jedoch für eine neue Ethik, einen neuen Umgang mit jedem Insekt. So bin ich zum Beispiel der weltweit einzige Anbieter, der seine Produkte mit einem Warnhinweis versieht. Ich nutze jedes Produkt, um gesellschaftliches Bewusstsein zu generieren. Dazu gehört auch der mitgelieferte Ratgeber mit Präventionstipps, der jedem Produkt beiliegt.

Zur Person

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus leitet seit 1995 die Reckhaus GmbH & Co. KG in zweiter Generation sowie die 1999 gegründete Reckhaus AG in Gais. Mit dem 2012 lancierten Gütezeichen «Insect Respect» strebt Reckhaus eine nachhaltige Transformation seiner Branche an. Für sein Engagement erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Schweizer Ethikpreis. Der Unternehmer referiert und publiziert regelmässig zu KMU-Führung und Nachhaltigkeit.

So können Sie einen Beitrag zur Insektenvielfalt leisten

Im Alltag:
• Weniger Auto fahren: Je nach Land werden zwischen 0,5 und 80 Insekten pro gefahrenen Kilometer getötet.
• Fleischkonsum reduzieren: 83% der landwirtschaftlich genutzten Flächen werden für Tierhaltung und Futtermittelanbau verwendet. Dadurch entstehen immer mehr Monokulturen, was schlecht für die Insekten und die Biodiversität ist.

In der Wohnung:
Befördern Sie im Haus verirrte Insekten sorgfältig nach draussen. Das geht mit etwas Geduld, einem Glas oder speziellen Lebendfallen.
• Insekten werden von Licht angezogen – je heller es ist, desto stärker ist die Lockwirkung.
• Halten Sie die Fenster geschlossen, wenn das Licht an ist. Oder installieren Sie ein Fliegengitter, um Insekten draussen zu halten.

Im Garten:
• Wiesen gestaffelt schneiden: nicht alles auf einmal mähen, Schnitthöhe mindestens 7 Zentimeter.
• Wildwuchs zulassen: wilde Wiesen im Garten bieten für Insekten ein grosses Nahrungsangebot.