Demenz

Ratgeber / Kind & Familie

Demenz in der Familie

24.06.2026 / von 

Eine Demenzerkrankung verändert nicht nur das Leben der betroffenen Person, sondern auch den Alltag ihres Umfelds. Karin Meyer von Alzheimer Schweiz erklärt, worauf Angehörige achten sollten und welche Strategien im Alltag helfen.

Karin Meyer
Der Begriff Demenz ist für viele Menschen stigmatisierend und kann Angst oder Abwehr auslösen.

Karin Meyer

Fachexpertin bei Alzheimer Schweiz

Frau Meyer, was sollten Angehörige unternehmen, wenn sie vermuten, dass ein Familienmitglied an Demenz erkrankt ist?

Die erste Anlaufstelle sollte immer die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Dann können bereits Abklärungen erfolgen und andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome verursachen können. Wenn sich der Verdacht erhärtet, können weitere Untersuchungen – beispielsweise bei einer spezialisierten neurologischen Fachperson – veranlasst werden.

Wie spricht man das Thema innerhalb der Familie sensibel an?

Die betroffene Person merkt meist selbst, dass sich etwas verändert, und ist innerlich verunsichert. Manche reagieren mit Abwehr oder versuchen, Schwierigkeiten zu überspielen. In Gesprächen kann es hilfreich sein, die Emotionen anzusprechen und zu zeigen, dass man diese nachvollziehen kann – statt immer wieder auf Defizite hinzuweisen. Wichtig ist auch, den Begriff Demenz ohne ärztliche Diagnose möglichst zu vermeiden.

Weshalb?

Der Begriff ist für viele Menschen stigmatisierend und kann Angst oder Abwehr auslösen. Sinnvoller ist es, die eigene Sorge um die Person und ihr gesundheitliches Wohlergehen auszudrücken.

Wie verändert eine Demenzerkrankung die Dynamik innerhalb einer Familie oder Partnerschaft?

Mit der Zeit kann die erkrankte Person gewisse Aufgaben nicht mehr übernehmen. Andere Familienmitglieder müssen deshalb Tätigkeiten wie den Haushalt oder die Finanzen übernehmen. In Partnerschaften verändert sich zudem die Rollenverteilung stark: Die Partnerin oder der Partner wird zunehmend zur betreuenden Person. Deshalb ist es wichtig, früh ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen – etwa mit Verwandten, Freundinnen oder Nachbarn. Auch professionelle Angebote können helfen, Entlastung zu schaffen.

Welche emotionalen Herausforderungen erleben Angehörige häufig?

Die nahestehende Person verändert sich schrittweise und kann ihre Rolle als Partnerin, Partner oder Elternteil immer weniger wahrnehmen. Viele Angehörige erleben deshalb einen Trauerprozess – oft wird von einem «Abschied auf Raten» gesprochen. Die Bewältigung gelingt meist besser, wenn Angehörige die verbliebenen Fähigkeiten der erkrankten Person wahrnehmen und positive Momente bewusst wertschätzen. Das ist leider einfacher gesagt als getan.

Welche Tipps helfen im Alltag bei der Kommunikation?

Da die betroffene Person die Umwelt nicht mehr gleich wahrnimmt wie gesunde Menschen und Ereignisse teilweise vergisst, entsteht für sie eine eigene Realität. Diese sollten Angehörige als für die betroffene Person richtig akzeptieren. Das bedeutet nicht, den Menschen zu belügen, sondern zu bestätigen, dass seine Wahrnehmung für ihn so ist, wie er sie schildert. In Diskussionen sollte man nicht darauf beharren, wer recht hat. Das ist völlig irrelevant. Bleiben Sie stattdessen ruhig und lenken Sie das Gespräch langsam auf ein anderes Thema.

Wie geht man mit Wut, Aggression oder Rückzug um?

Solche Verhaltensweisen entstehen häufig aus Überforderung oder Stress. Wichtig ist deshalb ein Alltag, der die Fähigkeiten der erkrankten Person fordert und sie nicht überreizt. Bei aggressivem Verhalten sollten zunächst mögliche Reize reduziert werden, etwa Lärm oder Zeitdruck. Dahinter kann auch ein körperliches Unwohlsein stecken – etwa Hunger, Schmerzen oder Müdigkeit. Angehörige sollten ruhig bleiben und sich bei Bedarf kurz zurückziehen. Beruhigt sich die Situation nicht, ist es sinnvoll, Unterstützung von aussen zu holen und das Verhalten mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zu besprechen.

Welche Tipps helfen bei der Gestaltung des Alltags?

Rituale und gleichbleibende Abläufe geben Sicherheit. Auch körperliche Bewegung – eventuell verbunden mit Musik – wirkt sich erwiesenermassen positiv auf die Hirnfunktion aus. Gleichzeitig sollten ausreichend Ruhezeiten eingeplant werden, weil Menschen mit Demenz schneller ermüden. Zu Hause kann eine gute Beleuchtung helfen, Stürze zu vermeiden – und auch rutschfeste Teppiche und geeignete Schuhe tragen zur Sicherheit bei.

Was sollten Angehörige beachten, um sich selbst nicht zu überlasten?

Die Begleitung im Alltag erfordert viel Geduld und Aufmerksamkeit. Deshalb ist es wichtig, möglichst früh Unterstützung zu suchen. Die Situation verändert sich im Verlauf der Erkrankung immer wieder und verlangt Anpassungen. Informationen zu vielfältigen Themen sind auf unserer Website kostenlos erhältlich. Beratung, aber auch Austausch in Angehörigengruppen übernehmen eine wichtige Begleitfunktion. Der Dialog auf beiden Ebenen hilft den Nahestehenden, die Situation gemeinsam zu analysieren, Vorschläge zu passender Unterstützung zu überlegen, aber auch sich nicht alleingelassen zu fühlen.

Wann ist ein Heimeintritt sinnvoll?

Der Verlauf einer Demenz und die familiäre Situation sind immer individuell. Häufig wird ein Heimeintritt dann notwendig, wenn Verhaltensauffälligkeiten zu einer Selbst- oder Fremdgefährdung führen oder wenn das bestehende Betreuungsnetzwerk stark überlastet ist.

Zur Person

Karin Meyer ist Fachexpertin bei Alzheimer Schweiz. Die Organisation mit ihren 21 kantonalen Sektionen informiert und berät Menschen mit Demenz sowie ihre Angehörigen und vermittelt regionale Unterstützungsangebote. Dazu gehören etwa Gesprächsgruppen, Tageszentren, Entlastungsdienste oder Ferienangebote. Informationen und Beratung auf alz.ch.

Was sind die ersten Anzeichen? 

Vergesslichkeit ist eines der bekanntesten Symptome einer Demenz, tritt jedoch selten allein auf. Häufig zeigen sich zunächst Störungen des Kurzzeitgedächtnisses: Betroffene verpassen Termine, vergessen Namen oder wichtige Informationen und verlegen häufiger Gegenstände. Auch Sprachprobleme können auftreten – etwa wenn ihnen das passende Wort nicht mehr einfällt oder Sätze abgebrochen werden. Manche Menschen haben zunehmend Mühe, alltägliche Aufgaben zu organisieren, etwa Einkäufe zu planen oder Rechnungen zu bezahlen. Weitere mögliche Anzeichen sind Orientierungsprobleme oder auffällige Verhaltensänderungen, etwa Misstrauen, Reizbarkeit oder sozialer Rückzug. Im Unterschied zur normalen Altersvergesslichkeit treten diese Schwierigkeiten häufiger auf und beeinträchtigen den Alltag zunehmend.

Zahlen und Fakten

In der Schweiz leben aktuell rund 161'100 Menschen mit Demenz. Jährlich kommen etwa 34'800 Neuerkrankungen hinzu – das entspricht einer neuen Diagnose alle 15 Minuten. Zwei Drittel der erkrankten Personen sind Frauen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2050 rund 285'700 Menschen in der Schweiz mit Demenz leben werden. Der wichtigste Risikofaktor ist dabei das steigende Alter. Demenz betrifft nicht nur die Erkrankten selbst: Pro betroffene Person sind meist ein bis drei Angehörige mitbetroffen. Die Gesamtkosten der Erkrankung werden auf rund 11,8 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt.

Quelle: Alzheimer Schweiz