Ein Tag beim HC Davos

Alena Lynn Rossel spielt seit ihrem vierten Lebensjahr Eishockey, nutzt ein Zwischenjahr nach der Matura, um den Fokus auf den Sport zu legen, und tut dies als Verteidigerin für die HC Davos Ladies (HCD). Im Gespräch erzählt sie uns, welche Herausforderungen der Spitzensport mit sich bringt und was ihre Ziele für die Zukunft sind.

Alena Lynn Rossel
Es war mir wichtig, meine Komfortzone zu verlassen.

Alena Lynn Rossel

Verteidigerin bei den HCD Ladies

Frau Rossel, Sie spielen seit über 15 Jahren Eishockey. Was hat Sie als Vierjährige gepackt und was fasziniert Sie heute noch?

Ich bin durch meine Familie zum Eishockey gekommen, vor allem durch meinen Cousin, der Hockey gespielt hat. Mein älterer Bruder hat später ebenfalls mit Eishockey begonnen. Als kleine Schwester habe ich mich natürlich an den Grossen orientiert und wollte ihnen nacheifern. So habe ich meine ersten Trainings absolviert, und Eishockey wurde zu meiner Leidenschaft. Bis heute fasziniert mich vor allem, dass es ein Teamsport ist. Man pusht und motiviert sich gegenseitig und hat gemeinsam Spass.

Sie haben im Sommer die Matura abgeschlossen, wodurch die Doppelbelastung von Ausbildung und Sport nun wegfällt. Wie hat sich Ihr Alltag seitdem verändert?

Ich habe mich richtig danach gesehnt, nach der Matura mehr Zeit für meine Leidenschaft Eishockey zu haben. Zu Beginn habe ich dadurch aber auch etwas meine Routine verloren und mehr in den Tag hineingelebt. Seit dem Saisonstart habe ich wieder einen festen Ablauf und eine klare Struktur. Das tut mir gut. Gleichzeitig nutze ich das Zwischenjahr, um herauszufinden, was ich später studieren möchte.

Sie haben vorher für den SC Bern gespielt und sind letzten Sommer zu den HCD Ladies gewechselt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Ausschlaggebend war vor allem die Infrastruktur. Der HCD ist ein Ausbildungsverein, bei dem die Weiterentwicklung der Spieler*innen und des Teams im Vordergrund steht. Wir haben die gleichen optimalen Trainingsbedingungen wie die Männer, wodurch ich mich wesentlich weiterentwickeln kann – auch persönlich. Es war mir wichtig, meine Komfortzone zu verlassen.

Sie spielen auch für die Schweizer A-Nationalmannschaft. Wie haben Sie sich diesen Weg erarbeitet?

Mein Weg in die Nationalmannschaft war mit viel Training und Zeit verbunden. Ich habe viel investiert, um mich auf dieses Niveau zu entwickeln. Angefangen habe ich in den verschiedenen Juniorinnen-Stufen der Nationalmannschaft, von der U14 über die U16 bis zur U18. Danach kam die Möglichkeit, in die A-Nationalmannschaft aufzusteigen. Dort werden die Spielerinnen aus dem Kader von den Coaches selektioniert und für die jeweiligen Spiele und Turniere aufgeboten. Der Weg in die A-Nationalmannschaft war für mich deshalb ein Prozess über mehrere Jahre, in den ich viel Zeit und Training investiert habe.

Spitzensport braucht viel Energie und Zeit. Worauf mussten Sie dafür verzichten?

Hauptsächlich auf Freizeit. Das hat bereits im Kindesalter begonnen, als ich beispielsweise Kindergeburtstage absagen musste, weil das Training für mich Priorität hatte. Am meisten leidet sicher die Zeit mit Freunden und Familie darunter, aber auf gewisse Dinge zu verzichten, war für mich nie ein Problem. Ich wusste, dass ich investieren muss, wenn ich besser werden möchte. Ich bin sehr dankbar für meine engen Freunde und meine Familie, die meine Leidenschaft für den Sport verstehen.

Gab es Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, auf den Sport zu setzen?

Ja, sicher. Es ist immer wieder ein Auf und Ab. Besonders schwierig wird es, wenn die Leistung stagniert und man nicht das Gefühl hat, besser zu werden. Wenn der Spass verloren geht, wird es schwieriger, dranzubleiben und sich selbst zu motivieren. Genau dann zeigt sich für mich auch, ob man wirklich bereit ist, weiterzumachen.

Was hilft Ihnen, wenn es sportlich einmal nicht läuft?

Ich versuche dann bewusst abzuschalten. Für mich bedeutet das, aus der Eishalle zu gehen und den Kopf freizubekommen. Ich versuche bewusst, nicht über Eishockey nachzudenken oder zu sprechen – das sage ich manchmal auch meinem Umfeld. Zusätzlich arbeite ich mit einem Sportpsychologen zusammen, der mir hilft, meine Gedanken zu sortieren und mit solchen Herausforderungen umzugehen.

Welche Rolle spielt mentale Stärke für Sie im Spitzensport?

Mentale Stärke spielt im Eishockey eine entscheidende Rolle. Mit zunehmender Erfahrung habe ich gelernt, besser mit schwierigen Situationen umzugehen. Ich bin sehr selbstkritisch. Das bringt mich einerseits weiter, kann mich manchmal aber auch bremsen. Deshalb arbeite ich daran, meine Selbstkritik positiv zu nutzen, ohne dabei zu hart mit mir selbst zu sein. Gleichzeitig gibt mir der Austausch mit anderen und Zeit mit meinem engen Umfeld Energie. Ich finde es zudem wertvoll, mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und zu hören, wie sie mit solchen Situationen umgehen.

Eishockey ist nach wie vor ein männerdominierter Sport. Wann haben Sie das selbst besonders gespürt?

Als ich noch bei den Jungs spielte, weil ich meistens das einzige Mädchen im Team war. Je nach Alter hatte ich meine eigene Garderobe oder zog einzelne Teile meiner Ausrüstung bei den Jungs an. Man gewöhnt sich daran, das einzige Mädchen zu sein. Trotzdem ist es nicht immer einfach, sich gegen die Jungs durchzusetzen. Dass ich mit zwei Brüdern aufgewachsen bin, hat mir sicher geholfen.

Welche Unterschiede erleben Sie zwischen Frauen- und Männer-Eishockey?

Die körperlichen Voraussetzungen von Männern und Frauen unterscheiden sich deutlich. Bis zur Pubertät konnte ich bei den Jungs gut mithalten. Später hatte ich trotz gleicher Trainingsinhalte allein aufgrund der körperlichen Unterschiede weniger Kraft. Das fällt sowohl beim Spielen als auch beim Zuschauen auf. Deshalb ist Frauen- und Männer-Eishockey nicht das Gleiche, und trotzdem wird es zu oft miteinander verglichen. Viele erwarten von Frauen die gleiche Leistung wie von den Männern – was rein physiologisch nicht möglich ist. In den letzten zwei Jahren hat sich im Frauen-Eishockey jedoch viel verändert. Seit wir unseren Körper gezielter für Checks einsetzen dürfen, ist das Spiel schneller, intensiver und körperbetonter geworden.

Was müsste passieren, damit Frauen-Eishockey künftig noch mehr Aufmerksamkeit erhält?

Es braucht mehr Medienpräsenz, damit die Menschen Frauen-Eishockey kennenlernen und sehen, wie attraktiv der Sport ist. Auch spezielle Events können helfen, mehr Familien für den Sport zu begeistern – selbst kleine Schritte können Grosses bewirken.

Sie haben bereits viel erreicht. Welchen Traum möchten Sie sich noch erfüllen?

Mein grosses Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen im Jahr 2030. Ich möchte mit den HCD Ladies erfolgreich sein und mich als Spielerin weiterentwickeln. Langfristig wäre es schön, einmal vom Eishockey leben zu können.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Eishockey hat mir beigebracht, dass …

… es immer wieder Höhen und Tiefen gibt. Wichtig ist es, vor allem in schwierigen Zeiten diszipliniert zu arbeiten und nicht aufzugeben. Diese Erkenntnis bringt mich auch in den übrigen Lebensbereichen weiter.

Steckbrief

Alter: 20 Jahre
Meine Rolle im Team: Als Verteidigerin gebe ich Sicherheit und baue das Spiel von hinten auf.
Meine Routine vor dem Spiel: Musik hören und einen Powernap machen.
Das gibt mir Energie: Genug Schlaf und Zeit mit Freunden und Familie.
So beschreibt mich mein Team: Als lustige, aber auch ruhige und überlegte Persönlichkeit.